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Karine Tuil: Die Gierigen

In der Regel merke ich gleich auf den ersten Seiten, ob ein Buch und ich dieselbe Sprache sprechen. Es gibt Fälle, da schlägt es unmittelbar nach den ersten Zeilen wie ein Blitz ein. Die Chemie passt einfach. Manche brauchen etwas länger und können mich aber schließlich doch noch von sich überzeugen. Was ich allerdings mit „Die Gierigen“ erlebt habe, ist mir in der Form noch nie passiert.

Es sind die stillen Momente, die zählen.

Es gibt Zeiten, da springe ich unruhig von Buch zu Buch ohne eins zu beenden. Ich lese ungefähr die ersten 50 Seiten und lasse mich von einer anderen Geschichte ablenken, bei der ich aber ebenfalls nicht stecken bleibe. Die Augen folgen den Zeilen, der Kopf nimmt aber nichts von dem Gelesenen auf. In den meisten Fällen ist diese Unruhe auf irgendwelche äußeren Umstände zurückzuführen. Letzte Woche hat mich ein überraschender Eingriff beim Zahnarzt aus dem Konzept gebracht. Dass mir ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt dieses kleine, stille Buch in die Hände fiel, kann ich nur als Wink des Schicksals verstehen.

Mareike Fallwickl: Dunkelgrün fast schwarz

Sobald ich auch nur an Dunkelgrün fast schwarz denke, fängt mein Herz an schneller zu schlagen. Es ist eine Geschichte von außergewöhnlicher Intensität. Zwischen den unzähligen Neuerscheinungen, die Monat für Monat erscheinen, nimmt es einen ganz besonderen Stellenwert ein. Ende letzten Jahres durfte ich das Buch lesen und hätte im Anschluss am liebsten meine Begeisterung in die Welt hinausgeschrien und es jedem, der mir über den Weg läuft, in die Hände gedrückt. Gleichzeitig hat das Gelesene bewirkt, dass meine Gedanken daran bis heute ziellos umherschwirren. Sie lassen sich nicht einfangen, strahlen aber eine kaum zu übertreffende Präsenz aus. Ähnlich habe ich zuletzt bei Das größere Wunder von Thomas Glavinic empfunden. Beides sind für mich Lebensbücher. Ich lese sie nicht nur, ich lebe sie. Atme sie förmlich ein, wodurch sie ein Teil von mir werden.

Franziska Seyboldt: Rattatatam, mein Herz

Ansgt hat viele Gesichter und ist gerade dadurch unberechenbar. Sie schleicht sich an und kriecht dir allmählich unter die Haut. Manchmal überfällt sie dich aus heiterem Himmel und schlägt dich radikal nieder. Sie sorgt für Herzklopfen, das kontinuierlich an Tempo zunimmt. Sie beschert dir schwitzige, kalte Hände oder eine zittrige Stimme. Sie ist aber auch zu weitaus schlimmeren Auswirkungen fähig. Möglicherweise verfolgt die Angst hin und wieder das gleiche Schema. Sie kann aber auch von Mensch zu Mensch oder von Situation zu Situation variieren. Welche Gestalt sie annimmt, merkt man meist erst dann, wenn sie bereits da ist.

Anne-Laure Bondoux, Jean-Claude Mourlevat: Lügen Sie, ich werde Ihnen glauben

Was passiert, wenn ein auffallend großer Briefumschlag der Auslöser für eine unheimlich sympathische E-Mail Korrespondenz ist? Und das auch noch zwischen zwei Menschen, die sich bis dato überhaupt nicht kennen und sich demnach eigentlich vollkommen fremd sind. Nun kommt einem eventuell der Gedanke, dass sich daraus wahrscheinlich eine kitschige Liebesgeschichte entwickeln könnte. Wie es eben oft der Fall ist in solchen Büchern. Auf der Rückseite des Schutzumschlages ist sogar von einer Liebesgeschichte der besonderen Art die Rede. Nach dem Lesen bin ich mir aber besonders über eines im Klaren: Das französische Autorenduo scheint von Kitsch nicht viel zu halten!

Trevor Noah: Farbenblind

Stell dir vor, du kommst als Verbrechen auf die Welt. Deine Eltern könnten für mehrere Jahre ins Gefängnis wandern. Und das nur, weil sie Gefühle füreinander haben und du daraus entstanden bist. Von diesem Tag an wächst du in einem Land auf, das von den strikten Regeln der Rassentrennung erschüttert und geprägt ist. Eine Vorstellung, die aus heutiger Sicht beinahe unmöglich erscheint und dennoch gar nicht so fern ist. Trevor Noah wurde 1984 in Südafrika als Sohn einer Einheimischen und eines Europäers geboren und erzählt in seiner Biografie wie er die Auswirkungen der Apartheid am eigenen Leib zu spüren bekam und trotz allem seinen Weg fand.