Alle Artikel in: Rezensionen

Karine Tuil: Die Gierigen

In der Regel merke ich gleich auf den ersten Seiten, ob ein Buch und ich dieselbe Sprache sprechen. Es gibt Fälle, da schlägt es unmittelbar nach den ersten Zeilen wie ein Blitz ein. Die Chemie passt einfach. Manche brauchen etwas länger und können mich aber schließlich doch noch von sich überzeugen. Was ich allerdings mit „Die Gierigen“ erlebt habe, ist mir in der Form noch nie passiert.

Eric Nil: Abifeier

Seit über dreißig Jahren sind meine Eltern glücklich verheiratet. Dass das heutzutage in vielen Fällen alles andere als selbstverständlich ist, wird auch in dem Roman Abifeier von Eric Nil schnell klar. Für viele Menschen ist das klassische Familienbild eingestaubt. Die Realität sieht mittlerweile anders aus. Wie die einzelnen Flicken einer Patchworkdecke sind in der heutigen Zeit auch Familien immer öfters wild zusammengewürfelt. In einer solchen Konstellation befindet sich auch der Ich-Erzähler der vorliegenden Geschichte. Und als wäre es nicht genug, die mehr oder weniger begeisterten Familienmitglieder und deren Gefühle unter einen Hut zu bekommen, steht auch noch die Abschlussfeier der Tochter auf dem Plan. Du kannst es dir vermutlich schon denken. Das Chaos ist damit quasi vorprogrammiert.

Mareike Fallwickl: Dunkelgrün fast schwarz

Sobald ich auch nur an Dunkelgrün fast schwarz denke, fängt mein Herz an schneller zu schlagen. Es ist eine Geschichte von außergewöhnlicher Intensität. Zwischen den unzähligen Neuerscheinungen, die Monat für Monat erscheinen, nimmt es einen ganz besonderen Stellenwert ein. Ende letzten Jahres durfte ich das Buch lesen und hätte im Anschluss am liebsten meine Begeisterung in die Welt hinausgeschrien und es jedem, der mir über den Weg läuft, in die Hände gedrückt. Gleichzeitig hat das Gelesene bewirkt, dass meine Gedanken daran bis heute ziellos umherschwirren. Sie lassen sich nicht einfangen, strahlen aber eine kaum zu übertreffende Präsenz aus. Ähnlich habe ich zuletzt bei Das größere Wunder von Thomas Glavinic empfunden. Beides sind für mich Lebensbücher. Ich lese sie nicht nur, ich lebe sie. Atme sie förmlich ein, wodurch sie ein Teil von mir werden.

Bernhard Schlink: Olga

Bernhard Schlink und ich, das ist so eine Sache. Natürlich ist mir sein Name schon sehr lange ein Begriff. Große Bekanntheit erlangte er bereits vor vielen Jahren als Der Vorleser veröffentlicht wurde und diese allein schon aufgrund des Altersunterschieds der Protagonisten außergewöhnliche Liebesgeschichte Wellen schlug. Bei uns zählte es damals nicht zur Schullektüre und so ist es die ganze Zeit an mir vorbeigezogen. Vor wenigen Wochen habe ich es nun gelesen und bald darauf folgte Olga, wodurch ich selbst literarisch also erst dieses Jahr mit den Werken von Schlink in Berührung kam.

Franziska Seyboldt: Rattatatam, mein Herz

Ansgt hat viele Gesichter und ist gerade dadurch unberechenbar. Sie schleicht sich an und kriecht dir allmählich unter die Haut. Manchmal überfällt sie dich aus heiterem Himmel und schlägt dich radikal nieder. Sie sorgt für Herzklopfen, das kontinuierlich an Tempo zunimmt. Sie beschert dir schwitzige, kalte Hände oder eine zittrige Stimme. Sie ist aber auch zu weitaus schlimmeren Auswirkungen fähig. Möglicherweise verfolgt die Angst hin und wieder das gleiche Schema. Sie kann aber auch von Mensch zu Mensch oder von Situation zu Situation variieren. Welche Gestalt sie annimmt, merkt man meist erst dann, wenn sie bereits da ist.

Anne-Laure Bondoux, Jean-Claude Mourlevat: Lügen Sie, ich werde Ihnen glauben

Was passiert, wenn ein auffallend großer Briefumschlag der Auslöser für eine unheimlich sympathische E-Mail Korrespondenz ist? Und das auch noch zwischen zwei Menschen, die sich bis dato überhaupt nicht kennen und sich demnach eigentlich vollkommen fremd sind. Nun kommt einem eventuell der Gedanke, dass sich daraus wahrscheinlich eine kitschige Liebesgeschichte entwickeln könnte. Wie es eben oft der Fall ist in solchen Büchern. Auf der Rückseite des Schutzumschlages ist sogar von einer Liebesgeschichte der besonderen Art die Rede. Nach dem Lesen bin ich mir aber besonders über eines im Klaren: Das französische Autorenduo scheint von Kitsch nicht viel zu halten!