Allgemein Gedanken

Dem Bauchgefühl vertrauen

Wenn die Gedanken im Alltagswahnsinn ruhelos durch die Gegend schwirren, breitet sich bei mir meist auch beim Lesen eine gewisse Unruhe aus. Die Tage stecken oftmals voller Eindrücke und Erlebnisse, die einen manchmal mehr und manchmal weniger beschäftigen. In einer vermeidlich ruhigen Minute schlage ich ein Buch auf, lese die ersten Seiten und halte plötzlich mit einem unguten Gefühl inne. Was habe ich eigentlich gelesen? Worum ging es gerade? Also nochmal von vorne. Einen Schritt zurück. Weiterlesen. Und es kommt dennoch unweigerlich der nächste Moment, in dem ich stecken bleibe. Nicht weiterkomme. Quasi nicht warm werde mit dem vorliegenden Text.

Gedankenwirrwarr

In solchen Zeiten beginnt man häufig mit sich selbst zu hadern. Erste Zweifel kommen auf. Müsste man sich einfach mehr anstrengen und aufmerksamer sein? Das Buch und der Autor hätten die Aufmerksamkeit in den meisten Fällen sicherlich verdient. Er oder sie hat wahrscheinlich jede Menge Herzblut ins Schreiben gesteckt. Das Innerste nach außen gekehrt. Es wurden Charaktere ins Leben gerufen, die mit ihrer scharf gezeichneten Persönlichkeit ungemein menschlich wirken. Sie werden durch die Erzählung greifbar. Womöglich kann ich mich mit ihnen sogar identifizieren. Oder es handelt sich um ein informatives Sachbuch, in das mindestens genauso viel Arbeit investiert wurde. Im nächsten Augenblick kommt mir der Gedanke, dass es vielleicht doch nicht an der kurzzeitigen Unfähigkeit liegt, sich auf einen Text einzulassen, sondern vielmehr daran, dass ich zur falschen Zeit zum falschen Buch gegriffen habe. Das ist etwas über das ich mir schon viel zu oft den Kopf zerbrochen habe. Zu einer Antwort, die dieses Dilemma nur annähernd beschreibt oder gar löst, bin ich bislang nicht gelangt.

Fragen über Fragen

Schnell abbrechen? Mehrere Bücher parallel lesen? Das Lesen eines Buches, das sich jetzt gerade querstellt, auf später verschieben? Das sind vermutlich die drei Varianten, die zur Auswahl stehen. Zurzeit tendiere ich dazu mehrere Bücher anzulesen und je nach Stimmung greife ich zu dem einen oder dem anderen. Ich gebe zu, dass das bei mir eine Art Unzufriedenheit auslöst. Möglicherweise sollte ich es als Unausgeglichenheit bezeichnen, das beschreibt es besser. Denn so werde ich gefühlt keinem Buch gerecht. Ich lese alles nur halbherzig. Besonders unschön finde ich hierbei, dass ich zu keiner Geschichte eine richtige Bindung aufbaue, was mir als Leserin aber immer ungemein wichtig ist.  Nur so kann ich alles um mich herum ausschalten. Den Stimmen der Protagonisten ohne Ablenkung zuhören. Den Sinn oder die Idee, die dem Buch zugrunde liegen, verstehen.

Mach dich locker!

Auf Instagram habe ich gestern genau dieses Thema angeschnitten und war ehrlich überrascht, dass doch einige Reaktionen kamen. Eure Antworten lassen darauf schließen, dass es nicht nur mir so geht. Es scheinen sich auch andere ab und zu in diesem Hamsterrad zu befinden. Jeder Tag hat 24 Stunden. Davon verbringt man 7 bis 8 Stunden schlafend. Nach der Arbeit oder Schule bleibt dann noch ein wenig Zeit, die man möglichst effektiv nutzen möchte. Es mag vorkommen, dass sich manche Tage ewig in die Länge ziehen. Viel öfters rennen die Stunden aber geradezu an einem vorbei. So schnell, dass man kaum Schritt halten kann. In solchen Momenten ist es umso wichtiger, dass man innehält und sich auf das Wesentliche fokussiert. Auch eure Kommentare haben mir dabei geholfen, mich ein Stück weit auf den Boden zurückzuholen. Sie sind wertvolle Anstöße in die richtige Richtung. Ebenso hilft es mir neuerdings, die Gedanken auf Papier zu schreiben. An die frische Luft zu gehen und wortwörtlich den Kopf durchzulüften. Und nicht zuletzt einfach den Stress, den man sich selbst macht, zur Seite zu schieben. Dem eigenen Bauchgefühl zu vertrauen. Den Schalter im Kopf umzulegen, sich hinzusetzen und ohne Druck das zu machen, worauf man Lust hat.

Mich würde interessieren, wie ihr das Lesen in euren Alltag einbindet bzw. wie ihr euch besonders in stressigen Phasen etwas Zeit dafür freischaufelt. Vielleicht habt ihr den ein oder anderen Tipp parat. Ich freue mich auf eure Antworten! 

4 Kommentare zu “Dem Bauchgefühl vertrauen

  1. Morgens zum ersten Tee ein Sachbuch, in der Mittagspause oder am Nachmittag ein anderes, vielleicht ein autobiographisches Buch oder auch ein Artikel in einem tollen Magazin. Beim oder vor dem Richten des Abendessens muss mindestens ein Kochbuch herhalten.
    Am Abend je nach Stimmung greife ich z. Zt. gerne zu Ratgebern. Es kann aber durchaus auch mal ein Roman sein.
    Der krönende Abschluss vor dem Schlafen ist entweder ein paar Seiten von Eckart Tolle („Eine neue Erde“ ; kann man immer wieder lesen!) oder ein Anlesen eines neu ins Haus geflatterten Buches. Wenn mir danach ist, greife ich auch zu „Goethes letzte Italienreise“.
    Das war ein kleiner Auszug aus meinem Bücher-Leben. Es geht also auch bei mir von einem Buch zum anderen. Wenn mir aber mal ein ganz Ergreifendes in meine Welt einbricht, dann lese ich es von morgens bis abends und auch schon mal bis tief in die Nacht . . .

    • Besser könnte man es nicht beschreiben. Das ist vermutlich genau der richtige Ansatz. Komischerweise fällt es mir noch relativ schwer, es genauso zu handhaben. Ich stehe mir gewissermaßen selbst im Weg indem ich Druck aufbaue und meine, ich müsste in kurzen Abständen ein Buch nach dem anderen verschlingen. Aber so ist es eben oft nicht. Stattdessen sollte man das Lesen selbst wieder mehr genießen und es so nehmen wie es kommt!

  2. Als Antwort hierauf müsste man eigentlich sehr weit ausholen, denn meiner Meinung nach kommt hier ein ganzes Bündel zeitgenössischer Probleme zusammen, die du schon, mehr oder weniger, angerissen hast.

    Der Vorrat unserer täglicher Aufmerksamkeit ist offensichtlich begrenzt. Wenn ich einen langen Uni- und oder Arbeitstag hinter mir habe, möglicherweise noch mit sportlicher Betätigung, dann ist man schon mal komplett durch und kann sich auf überhaupt nichts konzentrieren, und für die meisten Menschen ist dies wohl der Hauptgrund, weshalb teilweise garnicht mehr gelesen wird. Wenn man noch eine Familie und einige Freunde hat, dann ist fürs Lesen schon mal fast überhaupt keine Konzentration oder Zeit mehr übrig. Man muss auch lange Zeiten überhaupt garnichts tun, sonst dreht man durch.

    Zweitens wird insgesamt extrem viel konsumiert an Fiktionswelten heutzutage, wie nie zuvor. Von Magazinen, Netflix, Bücher, Kino, Musik, soziale Netzwerke, YouTube, Spiele und was weiß ich noch. Hier sollte insgesamt mal darüber nachgedacht werden, ob das alles noch gesund ist, dass wir uns in diesen Fiktionskathedrale verlieren.

    Vielleicht sollten wir diese Zeit mehr mit unserer Familie und Freunden verbringen. Das schon mal als Gesunder-Menschenverstand-„Argument“. Also insgesamt zu egozentrisch gedacht, was *ich, hier und sofort* „brauche“, um mich noch, und noch, wohler zu fühlen. Obwohl Zeit mit anderen Menschen verbringen, meistens als sinnvoller empfunden wird. Sinn und Lustgewinn sind ja nicht identisch.

    Weiterhin sind wir ja komplett durchdrungen vom *Kosten-Nutzen Denken*, d.h. jede Minute des Tages wird durchgeplant, was man sich exakt vorstellt, wie man was haben und machen möchte. Jede Minute wird mit erhofftem Lustgewinn beladen. Wenn dies nicht eintritt, dann wird man gleich paranoid, weil, es war ja im Kalender quasi geplant und ist nicht eingetreten. Direkt Pseudochaos.

    Mein Rezept wäre insgesamt weniger Medienkonsum, damit das Gehirn schon mal auf einem Normalpegel landet. Dann ist man auch dankbarer, wenn nicht alles *super-duper mega-optimal perfekt all-inklusive Geld-Zurück-Garantie* ist. Früher, als die Medienindustrie kleiner war, habe ich auch uninteressantere Sachen durchgelesen und hatte mehr Zeit aufgewendet, pro Medium. Durch weniger Massenkonsum und nicht besessen davon zu sein, dass alles super optimal sein muss. Dadurch hat man schon mal eine gelassenere Haltung zur Freizeitgestaltung.

    Auch hilft es, nicht ständig bergeweise Bücher zu kaufen, die als Quasi-Anklage, ständig einen anstarren, dass man eigentlich noch dieses und jedes lesen sollte und so häuft sich die Summe dieser subtilen Vorwürfe gegen sich selbst immer mehr. Weniger kaufen also.

    Ich lese wenige Bücher, über einen längeren Zeitraum. Meist lese ich unterwegs und sehr kurz spät Abends. Dann kann das Durchlesen schon mal einen Monat dauern, oder sogar länger. Und wenn mir etwas nicht gefällt, dann sortiere ich gnadenlos aus. Die Sprache der meisten Bücher finde ich ohnehin schrecklich, andernfalls nehme ich das aussortierte Buch einige Monate später erneut zur Hand.

    Gute Bücher brauchen ihre Zeit, aber das muss sich erst mit der Zeit beweisen.

    • Du hast es alles nochmal viel spezifischer und genauer auf den Punkt gebracht als ich. Damit gehst du mehr in die Tiefe, das finde ich gut und vor allem empfinde ich es als guten, wichtigen Denkanstoß!
      Wer sagt eigentlich, dass man ein Buch innerhalb weniger Tage verschlingen muss? Wer sagt, dass es ein schlechtes Zeichen ist oder man zu lahm ist, wenn man eine Woche oder länger in einem Buch liest? Das sind solche Hirngespinste, die vermutlich nicht zuletzt durch Social Media entstehen oder mindestens verstärkt werden. Dort sieht man ständig was andere so lesen, wie viel sie in kürzester Zeit lesen, was sie sich wieder für Bücher gekauft haben. Das baut einen gewissen Druck auf oder vermittelt vielleicht ein Bild, das so gar nicht sein muss und vor allem eher negative Auswirkungen auf das eigene Leben haben kann. Und wieso meint man, man müsste jede Sekunde des Tages effektiv sein? Mir wird immer mehr bewusst, dass es viel wichtiger ist, sich zwischendurch auch mal treiben lassen zu können. Sich auch nur auf eine einzige Sache zu konzentrieren, würde helfen. Sei es ein Buch oder etwas anderes. Und nicht nebenbei tausend andere Dinge zu tun oder mit dem Kopf schon wieder auf dem Sprung zu sein. Da kommen auch Familie und Freunde ins Spiel. Ein enorm wichtiger Aspekt, den du näher ausgeführt hast. Der vor allem viel zu oft und viel zu schnell in den Hintergrund rückt! Deine Worte werden mir jetzt wahrscheinlich noch länger durch den Kopf gehen, sie lenken mich weiter in die richtige Richtung. Und bestätigen das, was ich zwar schon fühle, aber jetzt noch mehr umsetzen muss. Danke dafür!

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