Buchtipp, Rezensionen
Schreibe einen Kommentar

Trevor Noah: Farbenblind

Stell dir vor, du kommst als Verbrechen auf die Welt. Deine Eltern könnten für mehrere Jahre ins Gefängnis wandern. Und das nur, weil sie Gefühle füreinander haben und du daraus entstanden bist. Von diesem Tag an wächst du in einem Land auf, das von den strikten Regeln der Rassentrennung erschüttert und geprägt ist. Eine Vorstellung, die aus heutiger Sicht beinahe unmöglich erscheint und dennoch gar nicht so fern ist. Trevor Noah wurde 1984 in Südafrika als Sohn einer Einheimischen und eines Europäers geboren und erzählt in seiner Biografie wie er die Auswirkungen der Apartheid am eigenen Leib zu spüren bekam und trotz allem seinen Weg fand.

Am Anfang ist der sogenannte Immorality Act abgedruckt, der vor 90 Jahren in Kraft trat und erst viel später, im Jahr 1985, wieder abgeändert wurde. Der Immorality Act ist sinngemäß als Unsittlichkeitsgesetz zu verstehen. Es handelt sich um ein Gesetz, das mit eindeutigen Worten außerehelichen Geschlechtsverkehr und andere sexuelle Beziehungen zwischen Europäern und Eingeborenen verbietet. Dieses Verbot war zur damaligen Zeit zentraler Bestandteil der Rassenpolitik in Südafrika. Bei mir sorgt allein der Gedanke daran für Übelkeit. Menschen vorzuschreiben, mit wem sie zusammen sein dürfen und mit wem nicht, ist in meinen Augen vollkommen abstrus, unmenschlich und haarsträubend. Und das ist noch harmlos ausgedrückt!

Während die meisten Kinder ein Beweis für die Liebe ihrer Eltern sind, war ich der Beweis ihrer Kriminalität.

In einem Land, das von einer solch harten und rücksichtslosen Rassentrennung beherrscht und zerrissen wird, fühlte sich Trevor Noah nirgendwo richtig zugehörig. Das fing schon in der eigenen Familie an. Als Baby musste seine Mutter ihn verstecken, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Es war viel zu gefährlich, sich zusammen zu zeigen, weshalb sie zu jedem Zeitpunkt in der Öffentlichkeit darauf achten musste, nicht aufzufallen.

Seine Mutter ist eine ziemlich imposante Erscheinung. Sie ist leidenschaftlich, setzt sich für ihre Meinung ein und ist zudem sehr gläubig. Jeden Sonntag musste Trevor sie in die Kirche begleiten. Unter der Woche waren weitere Veranstaltungen wie Bibelkreise und Gebetsstunden angesagt. Ihr war in besonderem Maße daran gelegen, ihrem Sohn alles für eine gute Zukunft mitzugeben. Ihre Erziehungsmethoden waren vielleicht nicht immer einwandfrei, aber dennoch spürt man in den entscheidenden Momenten ihre unbändige Liebe zu ihm. In Südafrika wurde nicht nur nach Herkunft und Hautfarbe getrennt. Es ist ein Land, das als „Regenbogennation“ bekannt ist. Dies ist auf die ethnische Vielfalt zurückzuführen. Da seine Mutter dem südafrikanischen Volk der Xhosa angehört, kam häufig deren Sprache als Muttersprache zur Geltung. Neben dieser und einigen weiteren Sprachen, lag ihr jedoch auffallend viel daran, dass ihr Sohn Englisch spricht.

Für einen Schwarzen in Südafrika ist Englisch eine der wenigen Möglichkeiten, sich zu qualifizieren. Englisch ist die Sprache des Geldes. Wer Englisch versteht, gilt als intelligent.

In der Schule waren die Trennlinien zwischen den einzelnen Gruppen ebenfalls klar und eindeutig. Wenn Trevor davon berichtet, geschieht das in ein und demselben Satz auf lockere und ernsthafte Art und Weise. Trevor erzählt, wie er als Außenstehender oft nicht viel Beachtung bekam und Schwierigkeiten hatte, den Anschluss zu finden. Aber auch, wie er sich mit jeder Menge Geschick einen wesentlichen Vorteil verschaffte. Während dem Lesen habe ich fasziniert beobachtet, wie er niemals seinen Sinn für Humor verlor. Dieser Humor ist der rote Faden, der die einzelnen Geschichten aus seinem Leben miteinander verbindet. Schon als kleiner Junge machte sich diese positive Grundeinstellung bemerkbar.

Die Welt betrachtete mich als farbig, aber ich verbrachte mein Leben nicht damit, mich selbst zu betrachten.

Er hat sowohl der inneren als auch der äußeren Zerrissenheit nie genug Raum gegeben und dadurch verhindert, sich selbst in eine Schublade stecken zu lassen. Stattdessen beschreibt er in den achtzehn Kapiteln mit einer uneingeschränkten Ehrlichkeit und einer gewissen Leichtigkeit von zahlreichen Erlebnissen, die ihn durch seine Kindheit und Jugendzeit begleiteten. Eine Leichtigkeit, die trotz oder gerade wegen der Umstände nie in Leichtsinn umschlug. Er war sich stets dem Ernst der Lage bewusst und nahm den lebensbedrohlichen Momenten mit charmanten, gewitzten Charakterzügen die Schärfe. Inzwischen lebt er in New York und ist dort als Moderator, Schauspieler und Comedian tätig. Gleich nach dem Lesen habe ich mir auf Netflix seine Show Afraid of the dark angeschaut. Ich habe sie bislang noch nicht komplett gesehen, aber das was ich gesehen habe, hat meinen Eindruck von ihm bestätigt. Seine Art mit Vorurteilen und Ängsten umzugehen, die im Grunde jeden in irgendeiner Form betreffen, ist einfach unschlagbar und trifft den Kern der Wahrheit.

Trevor Noah wird als Verstoß gegen das Gesetz geboren. Als Kind wurde er von seiner Mutter aus einem fahrenden Auto geschubst. Einen Großteil seiner Kindheit und Jugend verbrachte er in den schlimmsten Gegenden, ist im Ghetto aufgewachsen und weiß was es heißt, wenn es brenzlig wird. Trotz diesen erschwerten Bedingungen hat er die wenigen Chancen, die es gab, ergriffen. Seinem Schicksal hat er die Stirn und ein Lachen geboten. Seine Wurzeln hat er dabei nie vergessen. Vielmehr nutzt er sie, um anderen Menschen die Augen zu öffnen. Das ist ihm auch bei mir gelungen. Ich kann mich nicht erinnern, dass Apartheid im Geschichtsunterricht groß thematisiert wurde. Und wenn doch, dann vermutlich alles andere als ausreichend. Mit dieser Biografie habe ich eine persönliche Sichtweise auf die damaligen Zustände erhalten und erneut gelernt vor Augen geführt bekommen, wie wichtig Humor ist. Insbesondere in schweren Zeiten.

Welche Lebensgeschichte hat euch zuletzt nicht mehr losgelassen?


Titel: Farbenblind
Autor: Trevor Noah
Mehr Infos beim Blessing Verlag.
Hier kaufe ich meine Bücher:
Buchhandlung Wolf in Bruchsal

Hierbei handelt es sich um keine Affiliate Links.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.